Dienstag, 15. April 2014

Glenn Greenwald im Interview „Die Bundesregierung stellt die Beziehungen zu den USA über die Privatsphäre“

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Wie bewerten Sie das Agieren der Bundesregierung in der NSA-Affäre? Zuerst hat die deutsche Regierung nur so getan, als sei sie etwas verärgert. Da ging es auch erst mal „nur“ um das Ausspähen der deutschen Bevölkerung. Erst als die Kanzlerin persönlich betroffen war durch das Abhören ihres Handys, wurde der Ärger real. Das stört mich schon sehr. In Brasilien war das ähnlich. Da veröffentlichten wir auch erst Dokumente über das Ausspähen der Bevölkerung und dann über die Politik, und auch dort reagierte die Regierung erst, als sie selbst betroffen war. Jetzt, denke ich, will die Bundesregierung schon Schutz für die eigene Kommunikation und die der Bevölkerung, aber sie geht nicht viel Risiko ein, um diesen Schutz zu bekommen. Sie stellt die Beziehungen zu den USA über die Privatsphäre der eigenen Bevölkerung. Aber man muss auch sagen, dass die deutsche Politik zumindest klare Worte gefunden hat, um die amerikanische Überwachung zu kritisieren. (...)
Der Tagesspiegel (2. Seite)
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Dienstag, 8. April 2014

Urteil des EuGH zur Vorratsdatenspeicherungs-Richtlinie

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Die Richtlinie 2006/24/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über die Vorratsspeicherung von Daten, die bei der Bereitstellung öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste oder öffentlicher Kommuni-kationsnetze erzeugt oder verarbeitet werden, und zur Änderung der Richtlinie 2002/58/EG ist ungültig.
Die Ausrede, dass die EU es ja vorschreibt, ist jetzt dahin. Sie war ohnehin Unsinn, denn man hatte ja einst mit abgestimt als die Richtlinie verabschiedet wurde. Die deutsche Bundesregierung kann jetzt natürlich trotzdem weiter versuchen die Vorratsdatenspeicherung zu erzwingen, aber die Gründe des EuGH werden wohl auch beim BVerfG ziehen*. Vorratsdatenspeicherung kann man jetzt getrost als verfassungswidrig einstufen.
 
Und wer hat's gewollt? Wer hat's gepusht? Wer ist mitgelaufen?
Mal wieder nicht die längst marginalisierten offiziellen Extremisten, sondern die allzuhäufig nicht verfassungstreuen "Bürgerlichen". Noch kein einziges Gesetz von Neonazis oder Linksaußen-Sozis wurde für verfassungswidrig oder gar grundrechtemissachtend erkannt**, doch unseren Regierungen der "Mitte" geschieht das inzwischen in erschreckender Regelmäßigkeit.
 
Es ist an der Zeit, dass man auch diese Herren (und wenige Damen) als potentiell gefährlich und zu extremistischen Aktionen fähig ansieht. Bisher tut das ja vorwiegend die junge Generation, die sich mit "STASI 2.0" und "Zensursula" Memes Luft gemacht hat und personell die politische Opposition zu Überwachung, Zensur etc. stellt.
 
S O

*: Insbesondere gilt dies im Hinblick auf ein BVerfG Urteil von 1983, das ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung einführte **: Ganz klarer Vorteil; sie haben gar nicht die Macht, Bundesgesetze zu schreiben. 
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Mittwoch, 19. März 2014

Das Principal-Agent Problem; Sonderausgabe Politik

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John Stewart machte sich auf köstliche Weise lustig über die Doppelmoral einer US-Politikerin zum Thema Spionage daheim. Ich würde das Video ja gerne einbinden, aber es benimmt sich daneben (startet von alleine etc.), also sei Euch der Link empfohlen.
 
 
Satire ist ein wundervolles Mittel, um Doppelmoral zu entlarven. Doch normale Nachristen zeigen diese auch. Man muss höchstens mal zwischen den Zeilen lesen oder auch bloß ein paar Nachrichtenberichte vergleichen. Es war überaus offensichtlich dass deutsche Politiker sich laut über die Spionage ihnen gegenüber beschwerten, aber zuvor kaum etwas von sich hören ließen, als über Spionage gegen Normalbürger berichtet wurde.
Selbst heute nehme ich ein ernsthaftes allgemeines Aufmüpfen nur von den niederen Etagen der Parteien (natürlich nicht CDU) wahr; Kommunal- und allenfalls noch oppositionelle Landespolitiker. Dies ist das klassische Principal-Agent Problem: Die Leute können nicht alles als Gruppe selbst tun, also delegieren sie Aufgaben an 'Agenten', die dann ihre eigene Sicht der Dinge, ihre eigenen Vorlieben usw. anwenden - und das Ergebnis ist selten im besten Interesse der Allgemeinheit. Aber dies hat noch tiefere Wurzeln; ich denke Politiker haben zwei Gesinnungsprobleme.
(a) Sie halten viel zu viel von sich und Ihresgleichen
Dies ist ein großes Problem wenn es darum geht, Sicherheitsregeln gegen Machtmissbrauch zu etablieren oder auch nur aufrecht zu erhalten. Politiker auf nationaler und Landesebene halten sich nicht für eine Gefahr für unsere Freiheit, also warum sollten ihnen Fesseln angelegt werden?
Eine bessere Frage wäre natürlich  'Warum würdet ihr überhaupt diese Einschränkungen gegen Machtmissbrauch auch nur bemerken, wenn Eure Handlungen doch niemals so übel sind, dass ihr auch nur in die Nähe dieser Einschränkungen kommt?'
Dieses Problem ist besonders offensichtlich in Diskussionen zur Internetzensur. Diese naiven Politiker glauben tatsächlich, dass Zensur OK ist, solange sie selbst an der macht sind. Denn sie meinen es ja nur gut und die Zensur ist ja auch nur gegen die wenigen *füge die Buhmänner des Jahres hier ein* gerichtet.
Nein. Keine Zensur, basta.
Dasselbe gilt für Spionage im eigenen Lande und Vorratsdatenspeicherung. Die Pläne in diese Richtung sind oftmals ebenso verfassungswidrig wie Zensur (man würde "verfassungsfeindlich" sagen, wenn politische Außenseiter sie vorgeschlagen hätten).
(b) Sie trauen den Bürgern nicht
Das ist eigentlich unlogisch, denn schließlich haben ja diese nicht vertrauenswürdige Wählerschaft sie überhaupt mehr oder weniger direkt erst in Ämter gewählt, oder?
Dieses Misstrauen ist besonders offensichtlich beim thema Volksabstimmung. Angeblich sind wie das Volk ja vollkommen fähig eine gute Wahl zu treffen wenn ganze Parteien mit riesigen Wahlprogrammen für eine Legislaturperiode von vier Jahren voller unvorhersehbarer Ereignisse zur Wahl antreten. Doch wir sind zu emotional instabil und zu einfach manipulierbar wenn eine Abstimmung über einen spezifischen, veröffentlichten und monatelang öffentlich diskutierten Vorschlag ansteht.
Und natürlich sind wir nicht vertrauenswürdig, denn schließlich sind wir alle potentielle Kriminelle, wenn nicht gar pauschal Verdächtige oder 'Gefährder'. Ich bezweifle stark, dass die Kriminalitätsrate bei den Spitzenpolitikern unter dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Zu viele Politiker wurden sogar verurteilt, und manch einer kam gar als Vorbestrafter ins Kabinett.
Doch diese Gefahren - politischen Extremismus und mangelndes Demokratieverständnis - sehen die Bundespolitiker scheinbar nur bei den Normalbürgern (und bei den Mitgliedern einer Partei, die ohnehin nie an einer Bundesregierung Anteil hat).
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Es wäre wunderbar wenn wir unsere politische Kultur über diese Gesinnungsprobleme hinweg fortentwickeln könnten. Doch das ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Die politischen Eliten reden zu viel untereinander und mit ihrer Peripherie. Politshows im Fernsehen sind auch bloß eine Form der Unterhaltung, die Politik als Vorwand nutzt und Politiker als leicht verfügbare, bekannte und kostenlose Darsteller beschäftigt.

Über die dahergebrachten Formen der politischen Öffentlichkeit wird kaum viel Reform kommen. Nieman schien fähig, das Grundfalsche an der Idee der Zensur in den Politikerschädel zu hämmern, aus dem dieser dumme Vorschlag kam. Und nun? Besagter Politikerschädel hat jetzt den Oberbefehl über die Bundeswehr. Der bloße Vorschlag von Zensur hätte den sofortigen Karriereselbstmord bedeuten müssen, doch so kam es nicht. Dies, wenn schon nichts Anderes, sollte nun wirklich als Motivation reichen, sich selbst politisch zu engagieren und sich für Verbesserungen im politischen System und der politischen Kultur Deutschlands zu engagieren.
S O
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Sonntag, 29. Dezember 2013

Gysi's speech

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Ich stimme zu 80% zu.
S O

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Mittwoch, 18. Dezember 2013

Von der Leyen im Bundesministerium der Verteidigung

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Von der Leyen führt nun unser Verteidigungsministerium. Die bisherige Karriere als Politikprofi umfasste Posten für Soziales, Familie, Senioren und Gesundheit. Unsere Medien picken auf dieser Personalie besonders herum, weil hier das Missverhältnis zwischen Amt und Sachkompetenz in neuen Bundeskabinett am Größten ist. Es ist ohnehin spürbar, dass die veröffentlichte Meinung der Großen Koalition mehrheitlich beinahe feindlich gesinnt ist und von ihr keine Antworten auf dringende Probleme erwartet.
 
Die Hardthöhe von außen, (c) Thomess
Es ist schließlich eine Koalition unter konservativer Führung. Und Konservative haben im politischen Spektrum (legitimerweise) die Rolle der Bremser und Verhinderer. Das mittlerweile wiederbelebte CDU Wahlkampfmotto "Keine Experimente!" aus den 50ern trifft es sehr gut. Mit Ausnahme der Wiedervereinigung gab es von seiten der Konservativen auch nicht viele Experimente seit den 60ern. Wer für die CDU stimmt, versteht wohl, dass damit eine Stimme für politische Inaktivität und für die Verwaltung Deutschlands statt für eine Reform Deutschlands abgegeben wird.
Merkel (offiziell eine Konservative) ist vor allem darauf fixiert, etwas ganz Spezielles zu bewahren: Den eigenen Verbleib im Bundeskanzleramt. Sie ist inzwischen bekannt für plötzliche 180° Wenden gegen langjährige CDU Positionen (Beispiele: Energiewende, Wehrpflicht), sobald der Druck groß genug wird. Diese Praxis bewahrt die Macht: Merkel verlängert die eigene Zeit im Bundeskanzleramt, indem Merkel selbst die nötigen drastischen Kurskorrekturen vornimmt, bevor die Wähler es tun. Einige Kommentare in den Medien tun immer noch so, als ob von der Leyen von Merkel gefördert und protegiert würde. Die haben scheinbar nicht mitbekommen, dass die Hardthöhe ein Grab für aufstrebene Politikerkarrieren und potentielle Kanzlerherausforderer ist und dass Merkel bisher noch die politische Karriere aller potentiellen Herausforderer rechtzeitig beendet hat.
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Es ist gar nicht einmal ein großes Problem, wenn man mal für eine Amtszeit einen inkompetenten Karrierepolitiker an der Spitze der Hardthöhe hat. Dies gilt umso mehr, als wir in recht ruhigen Zeiten leben.
Man hat allerdings ein riesiges Problem, wenn man bereits eine Serie von solchen inkompetenten Politikern über einen Zeitraum von 25 Jahren hatte.
Das Problem dabei ist, dass man so lange keine effektive, strenge zivile Führung des Ministeriums hatte. Das Ministerium ist eine Bürokratie und Bürokratien tendieren dazu, sich im Eigeninteresse zu verhalten statt im besten Interesse des Landes als Ganzes. Es sei denn, die zivile Aufsicht und Führung ergreift fest die Zügel und führt die notwendigen Korrekturen durch.
Ein anfangs noch inkompetenter Minister ist höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage, denn solch eine Person muss erst einmal einen wochenlangen Schnellkurs mit auswendig zu lernenden Infos über das Ministerium durchlaufen - der von der Bürokratie selbst durchgeführt wird. Auf diese Weise können Zivilisten und Offiziere einen inkompetenten Verteidigungsminister nach ihren bürokratischen Vorlieben formen. Die Führung und Aufsicht durch einen solchen Minister ist normalerweise wertlos.
Nur mal ein Beispiel; der Heeresinspekteur könnte den Minister über die Heeresstruktur aufklären und dabei sagen, dass diese oder jene Brigade als Auftrag die Befähigung zum Gefecht der verbundenen Waffen hätte. Ein unwissender Minister wüsste nichts darüber. Er würde deshalb nicht bemerken, dass keine Artillerieeinheit in der Brigade enthalten ist und würde nicht fragen, ob denn wenigstens das Panzergrenadierbataillon Mörser hat. Dementsprechend würde übersehen, dass es eben keine Mörser mehr hat. Der extrem peinliche Umstand, dass ganze deutsche Heeresbrigaden* keine Steilfeuerkomponente mehr haben und bei ihnen deshalb auch keine nennenswerte Befähigung zum Gefecht der verbundenen Waffen** vorhanden ist, würde nicht erkannt.
Es ist ähnlich mit vielen anderen Unzulänglichkeiten; die Bürokraten in und ohne Uniform können einem unwissenden Minister ihre Version der Realität auftischen - einschließlich ihrer Wunschlisten, welche der unwissende Minister nicht verstehen kann. Dies würde nicht einmal so schlimm sein, wenn Politiker sich wirklich vertieftes Fachwissen rasch im Amt aneignen könnten. Es ist leider eine gültige Faustregel, dass Politiker im Kabinett dafür viel zu beschäftigt sind und nicht viel Tiefschürfendes lernen können. Sie hängen davon ab, dass sie sich in früheren, weniger geschäftigen, Zeiten das nötige Fachwisen und die nötige eigene Perspektive angeeignet haben. Dies spricht sowohl für beschränkte Amtszeiten als auch gegen fachunkundige Minister.
alte Blogtexte mit Bezug zum Thema:
2013-08 More about armed bureaucracies
2013-08 Niskanen's bureaucrats
2012-05 Rank inflation in the Bundeswehr
2010-08 Bundeswehr structure- what I would do
2010-02 Panzergrenadiere in the 2010's

Die Bundeswehr wird vermutlich weitere vier Jahre auf Autopilot verbringen, getrieben von bürokratischen Eigeninteressen und Trägheit anstatt von wohlüberlegten Reformen. Es mag wohl Umorganisationen und einige Entscheidungen über große Beschaffungsprojekte geben und die Presse mag diese dann "Reformen" nennen, aber es wird wohl nicht das sein, was die Bundeswehr wirklich dringend braucht.
 
S O
*: Panzerbrigade 12Panzergrenadierbrigade 37  **: Infanterie + Panzer ist eine triviale Kombination. Es braucht zumindest noch zusätzliche Mörser, damit es Sinn macht, vom "Gefecht der verbundenen Waffen" zu sprechen. Besser noch Artillerie. Die Fähigkeit, externe Unterstützung herbei zu rufen, qualifiziert auch nicht dazu. Die Panzerbrigade 12 hat keine mächtigere Steilfeuerwaffe als die ans Sturmgewehr montierten 40 mm Granatgeräte, weil die Panzergrenadiere schon vor Jahren ihre 120 mm Panzermörser abgeben mussten. 

P.S.:  Unser Heer hat inoffiziell bereits das Konzept von permanenten Heeresformationen aufgegeben. Unsere Heeresformationen sind nicht ausgelegt, um als solche eingesetzt zu werden. Sie dienen vielmehr als Pools, aus denen man Einheiten für Auslandseinsätze herausziehen kann. Die Gliederung ist nur noch relevant für Verwaltungsaufgaben und Führung daheim, nicht als potentielle Gliederung im Konflikt. Es ist daher eine vorgetäuschte Heeresstruktur. Wir hätten Artillerie und Heeresflugabwehr in allen Brigaden, wenn dem nicht so wäre. Ich habe es vermieden, von der Leyen's Geschlecht hier zum Thema zu machen, weil es eigentlich irrelevant ist. Die Medien lieben es aber sich darauf zu beziehen, weil es ein für jeden verständlicher Hinweis auf mögliche Inkompetenz ist. 

Nachtrag 2013-12-21: Zu allem Überfluss hat sie auch noch den beamteten Staatssekretär Wolf entlassen und durch einen völlig fachfremden beamteten Staatssekretär ihres Privatgefolges ersetzt. Die Entlassung an sich mag womöglich eine gute Idee gewesen sein, aber einen fachfremden Gefolgsmann als Ersatz einzusetzen verschlimmert das allgemeine Kompetenzproblem nur noch.